Dr. Kempe stand am Fenster, den Blick durch die Scheiben gerichtet, auf den riesigen Park der Klinik. Er schaute gebannt auf die Frau, die in gebeugter Haltung auf dem Rand des Brunnens sass. Ihr langes kastanienbraunes Haar verdeckte das Gesicht gänzlich. Man sah nur einen Arm der sich bewegte, eine Hand, die unter dem Wasserstrahl hin- und herpendelte, als wollte sie diesen entzwei schneiden. Immer wieder. Und immer wieder. „Sehen Sie, dies ist ein ganz besonderer Fall, Frau Kollegin“, sagte der Arzt und setzte sich an den Schreibtisch. „Sie meinen wohl Frau Senger“, antwortete die Frau, die ihm gegenüber sass und genüsslich an einer Kaffeetasse nippte. „Diese Dame scheint Sie wahrhaftig speziell zu interessieren!“ Der spitze Unterton in ihrer Stimme war ihm nicht entgangen… Aus „ Kaffepause“ von Ruth Berger
Der kleine Junge lief, bis ihm das Herz zu zerspringen drohte. Müde setzte er sich auf einen Stein am Wegrand. Zorn und Enttäuschung spiegelten sich in seinem sonst hübschen, spitzbübischen Gesicht. Die Grübchen in den Wangen waren verschwunden, das Kinn vorgeschoben, die kleinen Hände zu Fäusten geballt. Er liess den Kopf auf die Knie sinken, und die Szene von heute Mittag entstand nochmals vor seinen Augen. Mami, die ihm ganz sachte beibringen wollte, dass sie nun bald Onkel Marco heiraten werde und er so wieder einen Vater bekäme. Ach, als ob er so was gewollt hätte! Mami gehörte ihm, und niemals würde er sie mit jemandem teilen! Es hatte ihn sowieso schon immer gestört, wie ihre Augen jeweils aufleuchteten, wenn Onkel Marco erschien. So hatten sie sonst immer nur gestrahlt, wenn er mal freiwillig beim Abwaschen geholfen oder einen selbst gepflückten Blumenstrauss heimgebracht hatte. Aus „Maria hat nicht gelächelt“ von Ruth Berger
Die Koffer waren gepackt, alles war bereit für den morgigen Ferienstart. Mein Pass? Er musste im alten Sekretär sein. Ich wollte den Schlüssel drehen, als mich ein knackendes Geräusch vor Schreck erstarren liess. Entzwei, die „bessere“ Hälfte stecken geblieben. Was tun? Ich zündete mir erst mal eine Camel an und genoss sie in langen Zügen, während ich auf den alten Sekretär starrte, der meinem Vater so viel bedeutet hatte. Es musste doch eine Möglichkeit geben, diesen „Klotz“, wie ich ihn jetzt boshaft nannte, zu knacken. Ich versuchte, ihn nach vorn zu ziehen, um an die Rückwand zu gelangen. Da - eine Einbuchtung! Ich fand zwei kleine Schieber. Gleichzeitig betätigt, liess sich ein Türchen öffnen. Ich spürte etwas Papierenes und zog es heraus. Briefe, alt und vergilbt, zusammen gebunden mit einer blauen Schleife! Ganz oben ein Zettel: Liebe Doris, solltest du diese Briefe finden, dann lies sie und verbrenne sie danach. In Liebe dein Vater.“ Ich setzte mich hin, ganz benommen. Wollte mir mein Vater durch diese Briefe posthum etwas sagen, was er ein ganzes Leben lang nicht gekonnt hatte… Aus „ Sekretär mit Innenleben“ von Ruth Berger